Zwischen Rutentrommeln, symphonischer Blasmusik und Rap im Jugendhaus entsteht ein Sound, der Generationen verbindet.
Wie klingt das Schussental?
Vielleicht beginnt die Antwort auf unsere Frage genau hier. Aber springen wir zunächst mittenrein in die Welt der Musiker und fragen direkt bei ihnen nach:
„Es klingt für mich nach Rutentrommeln. Nach dieser Freude und Euphorie in
ganz Ravensburg am Rutenfest. Es klingt auch nach Vögeln, die im Garten zwitschern – und natürlich nach Heimat und Geborgenheit“,
sagt die Ravensburger Singer-Songwriterin Lotte.
„Es klingt für mich wie 40 Querflöten, die die Marktstraße entlangziehen“,
meint Popmusiker Myle, der im Februar beim deutschen ESC-Vorentscheid angetreten ist.
„Es klingt für mich in erster Linie nach Blasmusik“,
sagt Trompeter Timo Bossler.
„Es klingt für mich nach deutschsprachigen Lyrics, nach reifen, oft ein bisschen nostalgischen Texten – selten nach den Trendwörtern großer Städte“,
findet der Singer-Songwriter Peter Pux.
Heimat. Kapelle. Pop. Marsch. Chor. Punk im Proberaum.
Das Schussental klingt nicht nach einem Stil. Es klingt nach vielen.
Im Flur der Musikschule Ravensburg klingt es, als würde jemand am Mischpult des Schussentals drehen. Eine Trompete probt Tonleitern, hinter einer Tür spielt jemand „Für Elise“ in Endlosschleife, irgendwo schlägt ein Schlagzeug einen sehr ambitionierten Fill. Dazwischen Kinderstimmen, ein Lachen, ein „Nochmal von vorne“.
116 Vereine – und eine Musikschule mit 2.500 Schülern
Der Blasmusikkreisverband Ravensburg e. V. listet 118 Musikvereine im Landkreis. Fast jeder Ort hat seine Kapelle, oft sogar mehrere. Dahinter stehen Probenabende, Jugendensembles, Dorffeste,
Beerdigungen, Hochzeiten – ein dichtes Netz aus Ehrenamt und Atem. Zur Klangvielfalt gehören ebenso die Chöre. Die Bandbreite reicht vom FUNtastik Popchor Weingarten über den Bach - und Oratorienchor bis hin zum Konzert - und Kammerchor.
„Musik ist Gesellschaft“, sagt Harald Hepner, Leiter der Musikschule Ravensburg und Städtischer Musikdirektor. „Sie klingt so vielseitig, wie die Menschen sind.“ In seiner Einrichtung lernen rund 2.500 Schüler:innen bei 45 Lehrkräften, verteilt auf etwa 80 Unterrichtsorte in 13 Kommunen. Vom Kindergartenprojekt bis zum Jugend-Sinfonieorchester spannt sich hier der Bogen. „Dabei denken wir inklusiv“, betont Hepner. „Wir passen unser Angebot der Nachfrage an und sind dabei offen für alle Kulturen und Begabungen.“
„Wir passen unser Angebot der Nachfrage an und sind dabei offen für alle Kulturen und Begabungen.“
Harald Hepner,
Leiter der Musikschule Ravensburg
Die stellvertretende Musikschulleiterin Kathrin Stürzl feilt gemeinsam mit ihrer jungen Kollegin Anna Weber am Klavierspiel. © Don Ailinger
Die Corona-Delle ist überwunden, die Anmeldungen steigen wieder. „Letzten Oktober hatten wir 100 Schüler:innen mehr als im Vorjahr“, sagt der Musikschulleiter. Klavier bleibt Dauerbrenner, Blasinstrumente profitieren von Kooperationen mit Vereinen. Selbst der Kontrabass erlebt durch Streicherklassen ein Comeback. Nur Oboe und Fagott sind etwas rückläufig. Bis Kinder alt genug seien, hätten sie sich oft schon für andere Instrumente entschieden. Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen erhofft sich Hepner zusätzlichen Aufwind: mehr Berührungspunkte mit Musik, mehr Zeit für kreative Förderung.
Geheimrezept: Klang als Teamarbeit
So manches Elternteil stellt sich die Frage: Wie kann man Kinder motivieren, langfristig dranzubleiben? Geduld und Gemeinschaft, meint Hepner. Denn der „Klickmoment“, wenn Musik von äußerer Pflicht zur inneren Leidenschaft wird, entsteht oft im Ensemble. „Wenn ich nicht da bin, fehlt etwas“, spüren die jungen Musizierenden – und beginnen, Verantwortung füreinander zu übernehmen.
Dass beim gemeinsamen Musizieren etwas Entscheidendes passieren kann, hat auch Markus Kimmich erlebt. Der ehemalige Gitarrenlehrer von Lotte an der Musikschule Ravensburg erinnert sich, wie sie neben dem klassischen Unterricht in ihrer Band aufging. Er coachte die Pop-Band, arrangierte mit ihr eigene Songs und beobachtete, wie aus Talent künstlerischer Ausdruck wurde.
„Wenn ein:e Schüler:in so mit einem Instrument umgehen kann, dass sich durch das Spielen Freude oder auch Trost ergibt, dann ist schon viel erreicht“, sagt Kimmich. „Und wenn Musiker:innen das gemeinsam machen oder auch Konzerte geben und ihre Zuhörer:innen erreichen und mitnehmen können, dann ist das fast schon das Maximum.“
Simon Riedel im Tonstudio des Ravensburger Jugendhauses. © Don Ailinger
Wer nicht über die Musikschule kommt …
… landet vielleicht im Jugendhaus Mitte in der Möttelinstraße. Seit 2013 betreut Simon Riedel dort das Tonlabor. Seine Aufgabe: technische und pädagogische Begleitung – und sehr viel kreative Freiheit. Mittwochs ist „Open Studio“. Tür auf, Text mitbringen, Beat bauen, aufnehmen. „Hier gibt es keine falschen Töne“, sagt Riedel. „Der falscheste Ton ist der, der gar nicht gesungen wird.“ Rap ist da, klar. Aber auch Singer-Songwriter:innen, Punkbands, junge Musiker:innen mit Gitarre, die einfach ausprobieren wollen, wie ihre Stimme klingt, wenn sie sie über Kopfhörer hören. Handgemacht statt Hochglanz. Authentisch statt Algorithmus.
Nicht jede musikalische Biografie beginnt mit Blockflöte und Vorspielabend. Manche starten mit einem selbstgeschriebenen Text und der Frage: „Kann ich das hier mal ausprobieren?“ Im Jugendhaus lautet die Antwort fast immer: Ja!
„Hier gibt es keine falschen Töne. Der falscheste Ton ist der, der gar nicht gesungen wird. “
Simon Riedel, Tontechniker und Betreuer
im Tonlabor | Jugendhaus Mitte
Und irgendwann ins Stadtorchester
Montagabend, Probe des Stadtorchesters. 70 bis 75 Musiker:innen und Musiker sitzen im Halbkreis. Symphonische Blasmusik klingt anders als der Marsch auf der Straße: weicher, weiter, weniger Zunge, mehr Atem. Das Stadtorchester ist Konzertorchester, Straßenorchester, Repräsentationsensemble, Nachwuchsförderer und Projektpartner in einem – mit hohem musikalischem Anspruch und fester Besetzung.
Drei große Konzerte im Jahr: ein Sommernachts-Open-Air am Flappach, ein festlicher Adventsabend im Konzerthaus und das Frühjahrskonzert. Und dann ist da noch das Lauschkonzert für Familien, bei dem die Jüngsten auf Sitzkissen direkt vor dem Orchester sitzen dürfen. „Außerdem arbeiten wir regelmäßig mit regionalen Chören und Bands sowie Besetzungen unserer Partnerstädte“, berichtet Direktor Harald Hepner.
Blasmusik trifft Büroalltag
Eine andere Form von Ensemble findet sich in der TWS-Band. Entstanden aus einer Idee der Personalabteilung, spielen darin heute rund zehn Mitarbeitende. Vom Horn bis zum Dudelsack, von Polka bis Kool & The Gang. Der erste Auftritt war eine heimlich vorbereitete Überraschung bei der Weihnachtsfeier. Heute werden die Auftritte bereits sehnlichst erwartet.
„Musik ist ein gemeinsames Thema mit Kolleg:innen, mit denen man sonst keine Berührung hätte“, sagt Bandmanagerin Melanie Weber. Zwei Auftritte im Jahr, offenes Mitmachen, eigenes Logo. Musik verbindet, auch über die Bürotüren hinaus.
Lotte, Myle, Provinz – und Peter Pux
Dass aus dem Schussental regelmäßig Namen in die deutsche Musiklandschaft dringen, ist kein Zufall. Förderprogramme wie die Musikwoche des Popbüros Ravensburg begleiten junge Acts auf ihrem Weg. Für Lotte, Myle und Provinz war die Musikwoche ein wichtiger Startpunkt ihrer Karriere.
Peter Pux ist auch so einer. Mit 14 gründet er seine erste Punkband. 2010 veröffentlichte er erstmals Songs unter eigenem Namen, aufgenommen im Jugendhaus Ravensburg. Der Radiosender DASDING nahm sie in seine Newcomer-Sendung auf. „Das war ein enormer Startschub.“
Über das Popbüro folgte das eineinhalbjährige Förderprogramm „Bandpool“ an der Popakademie Mannheim. Verträge, Support-Touren, bundesweite Aufmerksamkeit. Sein Song „Hamburg“ wurde 2016 breit besprochen. Und dennoch sagt er: „Der schnelle Erfolg über Social Media wird überschätzt. Man erspielt sich sein Publikum live – auf Stadtfesten, als Support, in kleinen Pubs oder sogar auf der Straße.“ Jeder Auftritt schärfe das Profil. Jede Bühne bringe Erkenntnis.
Myle © Thilo Lehnert
Peter Pux © Irina Krüger
Timo Bossler © casagranda.foto
Lotte © Nat Traxel
Zwischen Musikschule, Musikwoche und Konzerthaus: Wie aus Charlotte aus Ravensburg die Künstlerin Lotte wurde.
Ist das Schussental besonders musikalisch?
„In Oberschwaben steckt viel Potenzial und eine Menge Talent“, sagt Peter Pux. Hier seien einige Bands gewachsen, die „in ihrer heutigen Qualität unverwechselbar sind und gerade daraus ihre Stärke ziehen, nicht immer state of the art sein zu wollen.“ Die hohe Dichte an Musikschulen, engagierten Lehrkräften und Eltern spiele eine entscheidende Rolle. Timo Bossler, der als Trompeter international viel herumgekommen ist, geht noch weiter: „Ich würde sogar behaupten, dass es weltweit wenige Regionen gibt, in denen so viele Menschen in so guter Qualität musizieren.“
Was allerdings fehle, seien Auftrittsmöglichkeiten für heranwachsende Bands, findet Pux. „Musik lebt davon, live aufgeführt zu werden. Gerade in Zeiten von Social Media sind echter Applaus, Emotionen und auch Fehler auf der Bühne wichtig für die eigene Entwicklung.“
Harald Hepner formuliert es so: „Die Leute müssen musizieren.“ Zum Thema Auftrittsmöglichkeiten hat er schon eine kleine Lösung parat: In Kürze wird der Holzmarkt samt mobiler Trailerbühne vor der neuen Musikschule fertiggestellt. Ein neuer Konzertort für die Musiker:innen von morgen.
Und wie klingt das Schussental jetzt?
… vielseitig, da sind sich alle einig. Und für jeden ein kleines bisschen anders. Für den einen ist es lyrisch, für den anderen laut, lebendig und voller Energie. Es ist der Klang unserer Heimat – tief vertraut, einzigartig und unvergesslich.
