Wie aus Charlotte aus Ravensburg die Künstlerin Lotte wurde

Lotte im Interview

vom 7. Apr. 2026
Autor: Sandra Huth
Fotos: Nat Traxel
© Nat Traxe
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Zwischen Musikschule, Musikwoche und Konzerthaus: Wie aus Charlotte aus Ravensburg die Künstlerin Lotte wurde.

Du bist ja eine waschechte Ravensburgerin. Wie waren deine Anfänge – wie bist du zur Musik gekommen?
Für mich hat es ganz früh angefangen. Durch meine Eltern, denen es wichtig war, dass wir Kinder alle ein bisschen Musik machen – ohne konkretes Ziel, sondern einfach nur, um die Musik in unserem Leben zu haben. Ich habe mit fünf Jahren angefangen, Geige zu lernen. Irgendwann habe ich mir gewünscht, dass ich Gitarre spielen darf, und durfte das dann – in der Musikschule Ravensburg. Meine erste Band war eine Kirchenband. Wir hießen Tonraum und haben bekannte Popsongs wie Wonderwall von Oasis oder Hallelujah von Leonard Cohen gespielt. Ich war so schüchtern am Anfang. Diese ersten Schritte waren rückblickend superwichtig – die erste Resonanz, das erste Spüren: Wenn ich singe, dann bewegt sich etwas in den Herzen.

Hattest du einen speziellen Lehrer oder Förderer, der dich angeleitet und unterstützt hat?
Die Grundsehnsucht kam immer aus mir selbst. Aber da waren ein paar Leute, die mich unterstützt und auf dem Weg begleitet haben: allen voran meine Eltern, die mich, seit ich denken kann, dazu ermutigen, meinen Träumen zu folgen. Dann war da der damalige Jugendpfarrer Bernd Hillebrand als Organisator der Auftritte der Kirchenband. Mein Musikschullehrer Markus Kimmich, der neben dem klassischen Gitarrenunterricht auch aus Songbooks von Tracy Chapman, den Beatles und Co. mit mir gespielt hat – und der einige Bandprojekte begleitet hat, bei denen ich immer wieder mitsingen durfte. Wer auch wahnsinnig wichtig war für mich: meine Gesangslehrerin Leila Trenkmann. Singen ist nicht nur körperlich, sondern hat auch extrem viel mit dem Kopf, mit der Psyche, mit Emotionen zu tun. Sie hat mir so viel beigebracht. Hätte ich nicht solche Begleitpersonen in meinem Umkreis gehabt, wär das vermutlich alles anders gekommen.

Und dann kam das Songschreiben?
Genau. Ein Lehrer meiner Schule, des Spohn-Gymnasiums, hat damals eine Songwriting AG gegründet. Ich hatte also plötzlich den Raum und auch die Plattform mich weiter auszuprobieren, mich zu trauen, bis schließlich ganze Songs entstanden sind, die wir später dann mit meiner ersten eigenen Band, Charlys Park, auf die Bühne gebracht haben.

Da gab’s die Musikwoche von Michael Wielath: ein Event, bei dem Newcomer-Bands mit Coachings gefördert werden. Wir haben uns beworben – und kamen rein. Am Ende durften wir gemeinsam mit anderen Bands in der Oberschwabenhalle auftreten. In dem Rahmen hab ich auch meinen ersten deutschsprachigen Song gespielt und gemerkt, dass das nochmal ganz andere Wellen schlägt – Wellen, die mich später bis über das Schussental hinaus getragen haben.

Wie alt warst du damals?
Etwa 17, 18. Dann kam das Abi. Ich hab das mit dem Studieren mal ausprobiert. Aber die Musik war immer da, wie meine beste Freundin. Ich hatte meine Gitarre und schrieb mehr deutschsprachige Songs. Also bewarb ich mich auf gut Glück für den Bandpool an der Mannheimer Popakademie. Das ist ein Eineinhalb-Jahre-Programm mit Wochenend-Coachings und Workshops. Beim Vorspiel saßen die A&Rs aus den großen Labels und Verlagen in der Jury. Ich hab drei Songs gespielt und gemerkt: Sogar bei den ganz großen Playern in Deutschland glänzt da was in den Augen. Mit diesem Solo-Vorspiel hat wirklich alles angefangen. Am nächsten Tag lagen die ersten Label-Angebote auf meinem Tisch.

Warst du auch mal im Jugendhaus aktiv?
Ich habe da mal Breakdance getanzt. *lacht* Und wir waren im Rahmen der Musikwoche einen Tag in deren Tonstudio – und haben, wenn ich mich richtig erinnere, auch ein zwei Konzerte im Jugendhaus gespielt.

Fühlen sich deine Konzerte in der Heimat anders an als welche in Berlin?
Auf jeden Fall. Da ist dann meine Familie da, meine Oma sitzt in der Loge, Freunde aus der Schulzeit im Publikum – und dann sehe ich da Jürgen vom Lüderitz, wo ich eine Weile gearbeitet habe, oder Frau Trenkmann oder Herrn Kimmich. Das ist super intensiv und irgendwie bin ich da nicht nur Lotte, sondern auch ganz viel Charlotte.

Musik bleibt nie stehen. Sie entwickelt sich ständig weiter. Wie hat sich deine Musik verändert?
Ich hab in den Jahren einerseits technisch viel dazugelernt, aber andererseits auch immer mehr den Mut gefunden, meine Musik und den kreativen Prozess so zu leben, wie ich es fühle – nicht so, wie die Musikindustrie es vorgeben möchte. Zur Zeit hat es mich deshalb bis nach London getrieben, weil ich da den Produzenten gefunden habe, mit dem ich meine künstlerische Vision umsetzen kann – zurück zu analog. Ein bisschen nostalgisch. Wir arbeiten im Studio mit superalten Geräten aus den 60ern und 70ern. So erschaffen wir einen zeitlosen Sound, der irgendwie magisch ist. Ich nehme mir Freiheit in der Kreativität – und habe heute den Mut, die Dinge durchzuziehen, die mir wichtig sind.

Ohne Musik wärst du …?
… beruflich in die Medizin gegangen. Ich hätte ein komplett anderes Leben. Meine ganze kreative Bubble, egal ob hier oder in London, in Wien oder Hamburg: Das sind ja alles Menschen, die aus der Musik kommen und die so fühlen und auch so denken. Musik ist wie Luft zum Atmen – und sie umgibt mich 360 Grad. Bis auf meine Familie hat fast jede Person in meinem Leben mit Musik zu tun. Ich weiß nicht, ob es mir ohne so gut gehen würde.

 Danke, (Char)Lotte, für dieses offene Gespräch.

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