Klimaneutrales Gas: Vom Bauernhof zum Industriebetrieb

Biomethan aus der Region

vom 15. Juli 2026
Autor: Meike Winter
Fotos: Don Ailinger
© Don Ailinger
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Die Energiewende setzt nicht nur auf Windräder und Photovoltaikparks: Aus Gülle, organischen Reststoffen oder durch nachwachsende Rohstoffe gewonnenes Biomethan liefert erneuerbare Energie und ist ein wesentlicher Teil der Dekarbonisierungsstrategie. Aber woher kommt Biomethan eigentlich, warum gewinnt es gerade jetzt an Bedeutung und weshalb ist es besonders für Industrieunternehmen interessant?

Wenige Kilometer von Ravensburg entfernt erzeugt Landwirt Josef Gebhardt mit seiner Naturenergie Rotachtal GmbH Biogas. Bislang wurde das Biogas in einem Blockheizkraftwerk (BHKW) für die Kraft-Wärme-Kopplung genutzt, um Strom und Wärme zu erzeugen. Der gewonnene Strom wurde ins öffentliche Netz eingespeist. Dafür erhielt er, wie andere Erzeuger auch, eine regelmäßige Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Diese Förderung läuft nach 20 Jahren aus, und Landwirte wie Josef Gebhardt stehen damit vor der Frage, wie sich die Biogasanlagen weiterhin wirtschaftlich betreiben lassen. Eine mögliche Lösung: Mit einer zusätzlichen Aufbereitungsanlage wird Gebhardt in Zukunft aus diesem Rohbiogas Biomethan in Erdgasqualität herstellen. Dieses Biomethan wird dann in das Gas-Mitteldrucknetz der TWS eingespeist, das in der Nähe zur Anlage verläuft. Die dafür nötige Einspeiseanlage baut die TWS. Schon 2027 soll das Projekt fertig sein und in Betrieb gehen. Einen Abnehmer für das Biomethan gibt es bereits: Der Pharmadienstleister Vetter hat mit der Naturenergie Rotachtal GmbH einen Direktvermarktungsvertrag geschlossen.

Biomethan kann wie Erdgas in das bestehende Gasnetz eingespeist und an anderer Stelle genutzt werden. Baden-Württemberg will bis 2040 und Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Biomethan wird deshalb wichtiger für die Energieversorgung. „Mit Biomethan können wir einen erneuerbaren Energieträger direkt hier in der Region erzeugen und über das bestehende Gasnetz nutzbar machen“, bestätigt Pascal Wellhäußer, Projektmanager Energieausrichtung und neue Geschäftsfelder bei der TWS.

Landwirt Josef Gebhardt betreibt mit seiner Naturenergie Rotachtal GmbH eine Biogasanlage bei Horgenzell. Da die EEG-Förderung nach 20 Jahren ausläuft, setzt er künftig auf die Aufbereitung zu Biomethan. © Don Ailinger

Reststoffe stehen im Mittelpunkt
Für die Biomethanproduktion werden überwiegend Rest- und Abfallstoffe wie Gülle, Mist oder Nebenprodukte aus Landwirtschaft und der Lebensmittelverarbeitung genutzt. Ergänzt werden diese Stoffe durch Energiepflanzen wie Mais, die für stabile biologische Prozesse sorgen. Die verfügbaren Mengen Reststoffe und Energiepflanzen für die Herstellung von Biomethan sind allerdings begrenzt. Biomethan wird fossiles Erdgas deshalb nicht vollständig ersetzen können. Bundesweit gibt es rund 9.600 Biogasanlagen, allein in Bayern und Baden-Württemberg stehen rund 40 Prozent aller Anlagen. Der Landkreis Ravensburg ist in Baden-Württemberg der Kreis mit den meisten Biogasanlagen: Nach Zahlen des Landwirtschaftsministeriums gibt es hier 115 Hersteller von Biogas. Bei den Aufbereitungsanlagen für Biomethan zeigt sich ein anderes Bild: Bundesweit sind erst rund 290 solche Anlagen in Betrieb und in Baden-Württemberg bislang nur 16. Das Projekt in Horgenzell ist deshalb ein wichtiger Schritt für die nachhaltige Energiezukunft in der Region.

Strategische Entscheidung für Industriekunden
„Unser Ziel ist eine messbar grünere Wertschöpfungskette – global gedacht und lokal verankert“, so Vetter-Geschäftsführer Henryk Badack. „Biomethan ist dafür ein wertvoller Baustein, mit dem wir unsere anspruchsvollen, streng regulierten industriellen Anwendungen klimafreundlich und zukunftssicher gestalten können.“ Ein großer Vorteil von Biomethan ist die Kompatibilität mit der bestehenden Infrastruktur. Vetter kann den Energieträger nutzen, ohne dafür neue Leitungen oder grundlegende technische Anpassungen vorzunehmen. Im Zuge des Projekts optimiert die TWS Netz ihre Infrastruktur weiter: Durch die Anbindung Richtung Bavendorf, des Gewerbegebiets Erlen und des Gewerbegebiets Mariatal im Ravensburger Süden können vor allem Industrie- und Gewerbekunden das Gas, das im Sommer „zu viel“ im Netz ist, abnehmen. Haushalte brauchen im Sommer weniger Gas, weil es nur für Warmwasser und kaum zum Heizen genutzt wird.

Die Biogasanlage der Naturenergie Rotachtal GmbH bei Ravensburg: Hier soll ab 2027 aus Rohbiogas Biomethan in Erdgasqualität erzeugt und ins Gas-Mitteldrucknetz der TWS eingespeist werden. © Don Ailinger

Fernwärme kann Biomethan nutzen
Neben der Industrie spielt Biomethan auch in der Fernwärmeversorgung bereits eine deutliche Rolle. In den Wärmenetzen der Innenstadt und der Weststadt von Ravensburg wird bereits heute Biomethan in hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zur parallelen Produktion von Wärme und Strom genutzt. Durch die Kombination aus Strom- und Wärmeerzeugung, verbunden mit einer strompreisgeführten Betriebsweise­ der Anlagen, kann der nachhaltige, aber teure gasförmige Brennstoff wirtschaftlich eingesetzt werden. Perspektivisch kann hier neben anderen erneuerbaren Energieformen auch regional erzeugtes Biomethan eingesetzt werden. „Trotzdem bleibt Biomethan eine Übergangstechnologie, Erdgas vollständig ablösen kann es mengenmäßig nicht“, erklärt auch Helmut Hertle von der TWS Netz. Für die Wärmeversorgung in Privathaushalten können dort, wo kein Anschluss an Wärmenetze möglich ist, Wärmepumpen eine effizientere Lösung sein. Das gilt weiterhin, auch nach den neuen Eckpunkten des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GModG).

Biomethaneinspeisung. So funktioniert‘s:

Wichtige Fragen rund um Biomethan

Pascal Wellhäußer, Projektmanager Energieausrichtung und neue Geschäftsfelder bei der TWS, treibt das Biomethan-Projekt voran und sieht darin eine Chance, erneuerbare Energie regional erzeugbar und über das bestehende Gasnetz nutzbar zu machen.

Kann ich dank Biomethan meine Gasheizung behalten?
Technisch könnte eine bestehende Gasheizung auch mit Biomethan betrieben werden. Aufgrund der begrenzten verfügbaren Mengen und den im Vergleich zu Erdgas höheren Preisen wird Biomethan künftig jedoch vor allem dort eingesetzt werden, wo es nur wenige klimafreundliche Alternativen gibt. Für viele Gebäude gelten Wärmepumpen oder Wärmenetze als langfristig sinnvollere Lösung, um die Klimaneutralität in Baden-Württemberg bis 2040 zu erreichen.

Was ist der Unterschied zwischen Biogas, Biomethan und Erdgas?
Erdgas ist ein fossiler Energieträger. Biogas entsteht durch die Vergärung organischer Stoffe in Biogasanlagen. Wird dieses Biogas aufbereitet, entsteht Biomethan. Und das kann ins Erdgasnetz eingespeist und so wie Erdgas transportiert und genutzt werden.

Wie fällt die Klimabilanz von Biomethan aus?
Biomethan kann gegenüber fossilem Erdgas die Treibhausgasemissionen reduzieren. Die tatsächliche Emissionsminderung hängt jedoch von den eingesetzten Rohstoffen und dem Herstellungsprozess ab.

Macht uns Biomethan unabhängig von Gasimporten?
Jede Kilowattstunde Biomethan, die regional erzeugt und genutzt wird, ersetzt fossiles Erdgas und verringert damit die Abhängigkeit von Energieimporten. Biomethan kann die heutigen Erdgasimporte aufgrund der begrenzten verfügbaren Mengen jedoch nicht vollständig ersetzen. Insbesondere in den Wintermonaten wird der Energiebedarf weiterhin höher sein als die regional verfügbaren Biomethanmengen. Deshalb werden auch künftig zusätzliche Energiequellen benötigt.

Warum gibt es nicht so viel Biomethan, wie genutzt werden könnte?
Die verfügbaren Mengen an Rest- und Abfallstoffen sind begrenzt. Gleichzeitig soll der Anbau von Energiepflanzen nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion treten. Deshalb bleibt Biomethan eine wertvolle, aber knappe Ressource.

Warum setzt die Industrie nicht überall Strom statt Biomethan ein?
Viele industrielle Prozesse benötigen große Mengen Prozesswärme oder Dampf rund um die Uhr. Elektrische Alternativen sind dafür bislang nicht überall verfügbar. Biomethan kann Unternehmen helfen, ihre Emissionen zu senken, während diese Technologien weiter entwickelt und ausgebaut werden.

Warum wird jetzt aus Biogas Biomethan gemacht?
Viele Biogasanlagen haben bislang Strom erzeugt. Mit dem Auslaufen der EEG-Förderung suchen Betreiber nach neuen Nutzungsmöglichkeiten. Durch die Aufbereitung zu Biomethan kann die Energie weiterhin genutzt und über das Gasnetz flexibel verteilt werden.

Welche Rolle spielt Biomethan für die Klimaziele?
Baden-Württemberg möchte bis 2040 klimaneutral werden, Deutschland bis 2045. Biomethan kann dazu beitragen, fossile Energieträger zu ersetzen und Emissionen zu senken, insbesondere in Bereichen, in denen andere klimafreundliche Lösungen noch nicht ausreichend verfügbar sind.

Was passiert mit den Resten aus der Biomethanproduktion?
Nach der Vergärung bleiben sogenannte Gärreste zurück. Diese enthalten weiterhin wertvolle Nährstoffe und können als Dünger in der Landwirtschaft genutzt werden.

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