Vom preisgekrönten Bio-Obsthof bei Horgenzell über die historischen Weinberge am Martinsberg bis zum Wochenmarkt in Weingarten: Hinter regionalem Obst steckt weit mehr als kurze Wege. Es geht um Artenvielfalt, Tradition, Ehrenamt und die Frage, wie viel Heimat in einem Apfel stecken kann.
Wer an Obstbau denkt, denkt oft an den Bodensee. Dabei beginnt die Obstregion viel näher. Nikolaus Glocker schaut nicht zuerst auf die Früchte. Sein Blick wandert auf die Pflanzen zwischen den Baumreihen. Schafgarbe. Margeriten. Pippau. Daneben summt gerade eine Wildbiene. Glocker setzt seine Schritte achtsam. Die Blühstreifen, die er lieber Insektenstreifen nennt, sollen Nahrung bieten, nicht niedergetreten werden. Erst dann schaut er auf die Apfelbäume. Auf den Fruchtansatz, die Triebe und die Blätter.
Neben den Klassikern – Elstar und Gala – setzt Glocker auf Sorten wie Topaz, Santana und Natyra. Sorten, die widerstandsfähiger gegen Schorf sind. Bei den Birnen wachsen Cepuna, Novembra und die regionale Talgar Beauty, eine Snackbirne mit ganz eigenem Biss. Dazu kommen Sauerkirschen und Johannisbeeren. Ein Teil der Kirschen, Birnen und Johannisbeeren landet später in den Bio-Erfrischungsgetränken „Seezüngle“ der Brauerei Härle. Die eigene Schorle gibt es im Bio-Hofladen bei Familie Bald-auf in Kramerhäusle 1, Horgenzell.
Der Hof liegt auf rund 560 Metern Höhe und damit etwa 150 Meter höher als der Bodensee. Die Äpfel werden hier oft etwas kleiner, dafür feinzelliger und aromatischer, erklärt der Obstbauer. Nikolaus Glocker und sein Sohn Jonas sind leidenschaftliche Tüftler, die sich mit der Wissenschaft zusammenschließen, um innovative Wege zu finden. Neue Sorten testen sie über Jahre. Wo alte Obstflächen umgebrochen wurden, wachsen zunächst Ackerbohnen. Nicht für die Ernte. Sondern weil sie Stickstoff aus der Luft binden und im Boden hinterlassen. Wenige Jahre später werden dort wieder Obstbäume gepflanzt. Der Satz klingt zunächst widersprüchlich. Tatsächlich beschreibt er eine Erfahrung. Wo jede Laus bekämpft wird, verschwinden oft auch jene Insekten, die Läuse fressen. Ein gewisses Maß an Leben gehört für Nikolaus Glocker zum System dazu.
Probleme gibt es trotzdem. Der Schorfpilz bleibt einer der hartnäckigsten Gegner. In trockenen Jahren wie diesem wird Mehltau zum Thema. Und manchmal seien die größten Herausforderungen gar nicht die Krankheiten, sondern Diskussionen mit Menschen, die nicht verstehen können, warum man Gras stehen lässt oder bewusst auf Stickstoffdünger verzichtet.
„Für manche unserer Schädlinge gilt,
je mehr Raum ich Ihnen lasse, umso besser haben wir sie im Griff.“
Nikolaus Glocker
Inhaber Bio-Obsthof Glocker
Kopfzerbrechen macht den Obstbauern in unserer Region vor allem eines, sagt Glocker: Die Kosten hätten sich in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als verdoppelt. Die Erzeugerpreise seien dagegen kaum gestiegen. Der Druck auf die Erzeuger sei groß. Trotzdem bleibt er bei seiner Haltung.
Making of „mein Schussental“ – Nikolaus Glocker ©Don Ailinger
