Günter Staud, selbsternannter Weinbergdirektor, gehört zu den treibenden Kräften. Fast vier Jahrzehnte arbeitete er für die Stadt Weingarten. Heute organisiert er gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen Pflege und Weinlese dreier Flächen rund um den Martinsberg. Die Geschichte dahinter reicht weit zurück. Das Kloster auf dem Martinsberg wurde im 11. Jahrhundert gegründet. Lange hieß die Siedlung rundherum Altdorf. Erst 1865 erhielt die Stadt offiziell den Namen Weingarten – benannt nach dem Kloster.
„Was passt zu Weingarten besser als Wein?“
Bereits die Mönche des Klosters Weingarten bauten hier Wein an, bis Reblausbefall vor rund 200 Jahren den regionalen Weinbau weitgehend zum Erliegen brachte und Bier nach und nach zum neuen Lieblingsgetränk wurde. Ende der 1990er-Jahre pflanzten die Weinbergfreunde wieder die ersten Reben. Zunächst rund 150 Stück an der Treppenanlage. Drei Jahre später folgte die erste Ernte. 75 Liter Wein. Eine der Flaschen steht bis heute in Günter Stauds Keller.
Die Weinbergfreunde schneiden, binden, mähen und lesen ihre Reben selbst. Etiketten werden von Hand aufgeklebt. Angebaut wird die pilzwiderstandsfähige Sorte Johanniter. Die Trauben profitieren von den warmen Mauern rund um die Basilika, die tagsüber Wärme speichern und nachts wieder abgeben.
Ein Tropfen Tradition: Aus den Reben am Martinsberg keltern die Weinbergfreunde den Johanniter – verkauft wird er nicht, die Stadt verschenkt ihn nur zu besonderen Anlässen. © Don Ailinger
Der Johanniter erinnert geschmacklich an Riesling und Ruländer, bringt leichte Noten von Apfel und Orange mit, besitzt wenig Säure und ist damit ein idealer Sommerwein. Skeptiker mögen daran zweifeln, doch selbst die Redaktion dieses Magazins staunte nicht schlecht über den säurearmen und feinen Geschmack des Weingartener Weißweins.
Im Jahr 2025 brachten die kleinen Rebflächen rund um die Basilika insgesamt 1.368 Flaschen hervor – ein Rekord! Verkauft wird der Wein nicht. Die Stadt verschenkt ihn zu Jubiläen, Geburtstagen oder besonderen Anlässen. Als Dank für ihre Mühen rund ums Jahr erhalten die acht Weinfreunde und freiwillige Erntehelfer aus der Bürgerschaft „den Zehnt“ des Ertrages.
Neben den Weinbergfreunden kümmern sich auch Mitglieder der Kirchengemeinde um eigene Rebstöcke. Wegen ihrer Herkunft werden sie augenzwinkernd die „katholischen Reben“ genannt. Im Weinberg ziehen jedoch alle an einem Strang: Gepflegt, gelesen und gefeiert wird gemeinsam.
Ein paar Kilometer weiter prickelt es in der Flasche. Der Förderverein Burghaldentorkel bewirtschaftet Ravensburger Rebgärten und erzeugt daraus unter anderem den Ravensburger Secco. Anders als Sekt entsteht Secco ohne Flaschengärung, die Kohlensäure wird zugesetzt. Und bevor ihr fragt: Ja, den kann man kaufen. Die Erlöse fließen vollständig in soziale Projekte, unter anderem zugunsten des Hospiz Schussental.
Mitten in der Stadt: Reben wachsen am Fuß des Martinsbergs, wo seit dem 11. Jahrhundert das Kloster Weingarten steht – Wurzel des Namens und der Weinbautradition der Stadt. © Don Ailinger
Wo die zufriedenen Leut‘ einkaufen
Mittwochmorgen in Weingarten. Kurz nach sieben Uhr klappern noch die Kisten. Händler laden aus und bauen ihre Verkaufsflächen auf. Zwischen Karlstraße, Marktstraße und Löwenplatz tummeln sich erste Marktbesucher mit ihren Einkaufskörben. Aus einem Café zieht Kaffeeduft über den Platz. Menschen bleiben stehen, reden, lachen. Niemand scheint es besonders eilig zu haben.
Luise Gehweiler steht hinter ihrem Marktstand und wiegt Äpfel ab. Wenige Minuten später beantwortet sie Fragen zu Zwetschgen. Dann begrüßt sie Stammkunden. Die Handgriffe sitzen. Seit 25 Jahren steht sie hier. Den Stand hat sie einst von ihrer Mutter übernommen.
Zusammen mit ihrem Mann Anton verkauft sie Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Johannisbeeren, Stachelbeeren und saisonale Produkte. Altersbedingt produzieren die beiden heute weniger als früher und kaufen teilweise von regionalen Partnern zu. Neben ihnen hilft ein junger Syrer. Freundlich, aufmerksam, immer dort, wo gerade eine helfende Hand gebraucht wird. „Wir lieben es, die Produkte, die wir erzeugen, persönlich an Menschen zu verkaufen“, sagt Luise Gehweiler. Dann lacht sie.
„Ich brauche fremde Leute um mich herum.“
Luise Gehweiler
Standbetreiberin
Vielleicht erklärt dieser Satz den Wochenmarkt besser als jede Statistik. Hier geht es eben nicht nur um Lebensmittel. Es geht um Austausch, um Beratung und um Beziehungen, die über Jahre gewachsen sind. Oder wie der Büromensch sagt: um Networking. Gehweiler beobachtet jedoch auch Veränderungen. Viele Kunden achten stärker auf Preise. Die Kundschaft sei tendenziell älter geworden. Gleichzeitig kämen jene, die den Markt besuchen, sehr bewusst. Sie kaufen nur so viel, wie sie brauchen, schätzen die Frische der Produkte und wissen, dass diese oft die ganze Woche halten. Weggeworfen werde deshalb selten etwas. „Die Leute, die hier kaufen, sind zufriedene Leut‘ “, sagt sie.
Was Luise Gehweiler beobachtet, haben Wissenschaftler inzwischen untersucht. Eine Studie der Hochschule Albstadt-Sigmaringen und der Ostschweizer Fachhochschule kam zu dem Ergebnis, dass Regionalität für viele Verbraucher inzwischen wichtiger geworden ist als ein Bio-Siegel. Frische, Transparenz und kurze Wege stehen dabei besonders hoch im Kurs. Ein schonender Anbau und eine entsprechende Verarbeitung würden hier in aller Regel erwartet und schlichtweg vorausgesetzt.
Luise Gehweiler und Marktmeister Hans Westner: bekannte Gesichter auf dem Weingartener Wochenmarkt – sie hinter dem Stand, er mittendrin zwischen den Marktbeschickern. © Don Ailinger
Westner beobachtet, dass viele Marktstände in den vergangenen Jahren aus Altersgründen aufgegeben wurden. Oft fehlen Nachfolger. Trotzdem bleibt der Markt für viele eine feste Instanz, eine Art liebgewonnene Routine im Alltag. Oder wie der Schussentaler sagen könnte: „En Ratsch aufm Marktplatz, a Käffle und a Marktwurscht und dr Daag isch grettet!“
Unter all den Stimmen kommt am Ende vor allem ein Gedanke durch: Regionalität ist viel mehr als ein Trend. Wer regional einkauft, stärkt die heimische Landwirtschaft und die Menschen dahinter. Jene, die noch 50 Gläser Marmelade einkochen, handschriftliche Etiketten aufkleben und mittwochs früh ihre Kisten auf den Markt tragen. Und diejenigen, die sich trauen, mit innovativen Ideen zukunftsfähige Wege zu gehen.
Vom Obsthof direkt in die Schule
Über das EU-Schulprogramm des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee (KOB) in Bavendorf werden jede Woche Tausende Kinder in Grundschulen und Kindergärten mit frischem Obst, Gemüse sowie Milchprodukten versorgt. Unterstützt wird das Programm unter anderem von regionalen Sponsoren wie der TWS. Allein über das dadurch finanzierte Lieferfahrzeug werden wöchentlich 166 Einrichtungen mit insgesamt 14.214 Kindern angefahren.
Im ersten Halbjahr 2025 wurden mit diesem Fahrzeug rund 180.000 Portionen Obst und Gemüse (etwa 18 Tonnen) sowie 47.000 Portionen Milch an Kinder verteilt. Darüber hinaus ermöglichte die Unterstützung zusätzliche Lieferungen an Kindergärten, die aufgrund begrenzter EU-Mittel eigentlich seltener beliefert worden wären.
Making of „mein Schussental“ – Günter Staud ©Don Ailinger
Making of „mein Schussental“ – Hans Westner ©Don Ailinger
