Kapuziner Kreativzentrum Ravensburg

Kollektiv kreativ

vom 28. Nov. 2025
Autor: Sandra Huth
Fotos: Don Ailinger
© Don Ailinger, Paul Mayer
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Ein Ort, an dem Ehrenamt, Kunst und Gemeinschaft aufeinandertreffen:
Im Kapuziner wird geschraubt, getanzt, gezeichnet und gestaunt.
Ravensburgs Kreativzentrum ist „ein Gemischtwarenladen“ für alle,
die gemeinsam Ideen verwirklichen wollen.

Es riecht nach Leim und Papier. In der offenen Werkstatt beugt sich ein älterer Herr über ein Geflecht aus Weidenruten. Mit ruhiger Hand zieht er die Ruten in Form: das Grundgerüst einer leuchtenden Figur fürs Lichterfest. Daneben sitzt ein Kind, die Zunge konzentriert zwischen den Zähnen, und klebt weiße Papierstreifen auf eine kleinere Laterne. „So hält’s besser“, sagt die Nachbarin und drückt sanft an. Es wird geplappert, gelacht, genickt – und geholfen. Eine Gruppe testet, wie man den etwa 4 Meter hohen „Alumann“ am besten tragen kann, jemand bringt Tee. Hier im Kapuziner wird Stadt nicht konsumiert, sondern gemacht.

Viel Programm, wenig Schwellen. Und Platz für eigene Ideen.

Im Kapuziner ist Programm nie nur „Programm“, sondern Einladung. Wer will, macht mit. Wer neugierig ist, schaut rein. Wer eine Idee hat, bekommt Raum.

„Wir sind ein Gemischtwarenladen“, sagt Robert Huber, Geschäftsführer für den Bereich Programm, und berichtet von den vielseitigen Angeboten, die weit über ein offenes Künstleratelier hinausgehen. Denn neben Kreativworkshops und Musikevents steht hier von allem etwas auf dem Programm: Repaircafé, Kleidermarkt, Tanzformate, Poetry Slam, Krabbelgruppe, Karaoke-Bar, Achtsamkeitsseminar, Social-Media-Kurs bis hin zum Stimmcoaching.

Kursprogramm entdecken:

Kursprogramm entdecken:

Töpfern, Siebdruck, Aktzeichnen, Handlettering, Intuitives Malen, Glasieren, Linoldruck, Comic-Zeichnen, Graffiti-Aktion, Improtheater, Social-Media-Basics, Circle-Rhythms, Ukulele, Achtsamkeit, Selbstbewusst sprechen, Offene Kinderwerkstatt u.v.m.

Weitere Infos unter: kapuziner.info

Robert Huber, Projektleitung des Lichterfests sowie Geschäftsführer im Bereich Programm im Kapuziner – er hält die Fäden zwischen Kunst, Organisation und Gemeinschaft zusammen. © Don Ailinger

„Wir bieten Freiraum für alles Experimentelle.“

„Viele Programme sind gar nicht groß geplant“, erzählt Robert Huber und lacht. „Da stand irgendwann mal der Franz hier und meinte, er würde gern Tango tanzen. Da haben wir gesagt: Na gut, dann mach. Eine Woche später war der Raum voll. Heute tanzen hier zwischen 20 und 80 Leute, regelmäßig, mit allem Drum und Dran. So entstehen viele Dinge bei uns. Jemand hat eine Idee, wir sagen nicht Nein, sondern: ‚Probier’s aus‘. Und zack, wird daraus ein fester Programmpunkt.“

Tangozimmer

dienstags, inkl. offener Práctica, 19 Uhr, Tanzabend ab 20 Uhr

Repaircafé und Radzimmer. Flicken statt Wegwerfen
Auch das Repaircafé ist inzwischen eine feste Instanz, die in die Räumlichkeiten der Kapuzinerstraße eingezogen ist. Einmal im Monat wird geschraubt, gelötet und gelacht. Es treffen sich Tüftler:innen, Bastler:innen und Neugierige, um defekte Geräte oder Kleidungsstücke gemeinsam zu reparieren – kostenlos, mit wechselseitigem Know-how und Kaffee inklusive. Oft entsteht dabei mehr als nur eine geflickte Toasterklappe – nämlich Gespräch, Gemeinschaft und das gute Gefühl, dass Wegwerfen nicht die einzige Option ist.

Ähnliche Stimmung herrscht jeden Dienstag bei den Schraubern im Radzimmer. Die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt, betrieben in Kooperation mit der Diakonie Oberschwaben Allgäu Bodensee, bietet Werkzeuge, Ersatzteile und fachkundige Unterstützung, damit jede:r das eigene Rad wieder flott bekommt.

Radzimmer

dienstags, 18 bis 21 Uhr

Pat Geddert ist freie Künstlerin und Rückgrat der offenen Lichter-Werkstatt – hier entsteht aus Weiden, Papier und Licht die Magie in Weiß. © Don Ailinger

Entstehung & Konzept: Vom Klassenraum zum Kulturraum

Mitte der 1980er von engagierten Lehrern als Freie Kunstschule Ravensburg gegründet, wuchs neben Abendkursen bald eine Gestaltungs-Vorstufe zur Vorbereitung für Bewerber:innen an Kunsthochschulen, später die Schule für Gestaltung (SFG). 2019 wurde der Studienbetrieb eingestellt – zu viele staatliche Studiengänge in der Region, zu wenig Basis für eine kleine Privatschule. Der Verein aber blieb – und erfand sich neu.

Seit April 2024 heißt er „KAPUZINER – Raum für Kunst, Kultur und Soziales e.V.“. Die Adresse ist die gleiche, das Haus auch – ein Backstein-Industriebau, loftiges Erdgeschoss, Ateliers und Büros oben –, nur der Fokus veränderte sich: vom Ausbilden zum Ermöglichen.

Heute ist das Kapuziner eine soziokulturelle Plattform: Menschen begegnen sich, probieren aus, gründen Gruppen, scheitern klein, wachsen groß. „Unser bestes Angebot ist der Raum“, sagt Huber. Und dieser Raum ist gefragt: von Tango über Ukulele-Kreis bis Handarbeitsrunde. Aus „Komm doch mal vorbei“ wurden knapp 300 Mitglieder (2019: 35). Aus der Idee, Kultur nicht zu konsumieren, sondern mitzugestalten, wurde ein Programmplan – und manchmal Platznot.

Viele Schultern. Viele Töpfe.

Geschäftsführerin für den Bereich Verwaltung ist Stephanie Geyer. Robert Huber ist verantwortlich für das Programm. Unterstützt werden die beiden von einem vierköpfigen Vorstandsteam. In Summe 10 Teilzeitkräfte (plus 3 Bundesfreiwillige), dazu Honorarkräfte und viele Ehrenamtliche stemmen den Betrieb. Kooperationspartner wie die Jugendhäuser Ravensburg und Weingarten, ZfP, Arche und zahlreiche Initiativen sind enge Partner.

Das Kapuziner finanziert sich gemischt: durch Stiftungen wie „Kultur Ravensburg“, Sponsoren, die Stadt Ravensburg, diverse Förderprogramme, Spenden, Mitgliedsbeiträge (48 €/Jahr, steuerlich absetzbar) sowie Einnahmen aus Kursen und Vermietung. Dass das Haus „chronisch unterfinanziert“ ist, sei kein Geheimnis, meint Huber. Ohne private Zuwendungen, Projektförderungen und das Ehrenamt ist Kulturarbeit, auch andernorts, kaum möglich.

Sie lassen Ravensburg leuchten: Ute Engelhardt (Projektleitung & Koordination), Robert Huber (künstlerische und Projektleitung), Pat Geddert (Werkstatt & Workshops) und (nicht auf dem Bild) Sebastian Striegel, Eventmanagement. (v. l. n. r.) Gemeinsam mit vielen Ehrenamtlichen formen sie das Herz des Lichterfests. © Don Ailinger

Räume mieten

Für Workshops, Vereinstreffen und Kulturformate könnt ihr die Räumlichkeiten im Kapuziner mieten – preiswert und fair, offen für Vereine, Künstler:innen und Unternehmen (nicht für private Feiern).

Lichterfest Ravensburg – wenn das Kapuziner Zu leuchten beginnt

Es ist ein Riesenprojekt, das das Kapuziner Kreativzentrum alle zwei Jahre auf die Beine stellt – und ein echtes Gemeinschaftswerk: das Lichterfest Ravensburg. Kaum ein anderes Ereignis bringt so viele Menschen, Ideen und helfende Hände zusammen. Monatelang wird im ehemaligen Zweiradhaus Halder am Kuppelnauplatz gesägt, geklebt und gelötet. Hier, in der offenen Werkstatt, entstehen aus Weidenruten oder Stöcken, Papier und LEDs jene leuchtenden Figuren, die am 7. März 2026 die Stadt erstrahlen lassen werden.

„Das hier ist kein Traditionsgeschäft wie in einem Verein. Zugezogene können sich leicht einbringen. Wir haben Menschen verschiedenster Sprachen dabei, auch Gehörlose – und das funktioniert bestens.“

Ute Engelhardt
Projektleitung & Koordination

Unter dem Motto „Feuer“ verwandelt sich Ravensburg dann in ein wandelndes Kunstwerk. Mehr als 1.200 Teilnehmende werden erwartet: Schulklassen, Vereine, Kitas, Initiativen, Musiker:innen und viele Einzelne, die einfach mitlaufen, mittanzen, mitleuchten wollen. Mit dabei: Tangotänzer:innen hinter Schattenwänden, Musiker:innen auf fahrbaren Bühnen und ikonische Großfiguren wie der „Alumann“, der 4,5 Meter hohe Teufel oder Dackel Frieda, die längst lokale Berühmtheit genießen.

Was das Lichterfest besonders macht, ist nicht nur seine Größe, sondern sein Geist. Es ist inklusiv, offen und niederschwellig – jede:r kann mitmachen, egal ob allein, im Verein oder mit Freundeskreis. Der Startschuss für das neue Motto „Feuer“ fiel schon am „Türöffner-Tag mit der Maus“: 50 Familien bastelten in der offenen Werkstatt gemeinsam kleine „Mäuse-Laternen“. Seitdem glimmt die Vorfreude in der Stadt.

Das Lichterfest ist längst mehr als ein Event. Es ist Ausdruck dessen, was das Kapuziner ausmacht: Kreativität als Gemeinschaftsarbeit, Kunst als Kitt der Stadtgesellschaft und der Beweis, dass man mit etwas Papier, Licht und Leidenschaft buchstäblich ganze Städte zum Leuchten bringen kann. Ein Strahlen, das auch dank der Unterstützung der Technischen Werke Schussental heller wird. Vielleicht sogar bald in Form einer eigenen Figur im Lichtermeer.

Offene Werkstatt Lichterfest

Wann: dienstags & donnerstags 18–21 Uhr, freitags 16.30–20 Uhr
Wo: ehem. Zweiradhaus Halder am Kuppelnauplatz
Wie: ohne Anmeldung, kostenlos (Spenden für Material willkommen)

Kontakt Teilnahme/Fragen: Ute Engelhardt
E-Mail: ute.engelhardt@lichterfest-ravensburg.de

Making of „mein Schussental“ – Kapuziner Kreativzentrum Ravensburg © Don Ailinger

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