Tierische Natur: Sichtbar. Verborgen. Verletzlich.

Wie wild ist das Schussental?

vom 7. Apr. 2026
Autor: Sandra Huth
Fotos: Don Ailinger
© Don Ailinger
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Rehe im Garten, Biber an der Schussen, Waschbären im Dachstuhl.
Welche Wildtiere leben wirklich im Schussental? Und was
entscheidet darüber, wie „wild“ unsere Region bleibt? Eine Spurensuche zwischen Wald, Moor, Stadt und Verantwortung.

Es ist früher Morgen, die Luft riecht nach feuchtem Gras und Kaffeedampf aus offenen Küchenfenstern. Ein Fuchs hebt den Kopf, schnuppert kurz am Kompost, setzt eine Pfote vor die andere. Er prüft die Mülltonne, streift an der Hecke entlang, bleibt stehen. Lauscht. Irgendwo klappert Geschirr. Dann ein schneller Schnapper ins Halbdunkel der Terrasse und weg ist er. Mit einem Hausschuh im Maul.

Frühjahr im Schussental. Die Jungfüchse werden selbstständig, testen Reviere, testen uns. Und wir testen sie zurück – mit unseren Handykameras, WhatsApp-Gruppen und der Frage: Gibt es plötzlich mehr Wildtiere bei uns?

„Mehr Sichtungen heißt nicht automatisch mehr Tiere“, sagt Tobias Abele, Wildtierbeauftragter des Landkreises Ravensburg. „Es heißt oft nur: mehr Nähe.“ Die Landschaft hier – ein breites Tal mit sanften Übergängen zwischen Wald, Wiese, Ackerinseln, Moorresten, Streuobst und der Schussen – ist reich strukturiert. Wasserläufe, Hecken, Feldgehölze. Und dazwischen: Siedlungen, Straßen, Radwege, Bahntrassen. Wildnis und Alltag liegen dicht beieinander.

Die Angst vor Tollwut? Spielt hier faktisch keine Rolle mehr. Deutschland gilt seit 2008 als frei von terrestrischer Tollwut; die letzten Fälle bei Füchsen liegen fast zwei Jahrzehnte zurück. Importfälle aus dem Ausland sind seltene Ausnahmen. Dass der Fuchs sich an Menschen gewöhnt hat und uns näherkommt, stellt für uns keine Gefahr dar. Und der Fuchsbandwurm? Erkrankungen sind selten. Selbst im auffälligsten Untersuchungsgebiet Deutschlands – rund um Leutkirch – wurden über 24 Jahre hinweg lediglich neun Erkrankungen registriert.

Revierleiter Wolfram Fürgut steht am Wanderparkplatz Hirscheck, vor der Streiflisberghütte, wo der Stadtwald beginnt. Ein Mischwald, beliebt als Naherholungsgebiet mit Waldsportpfad, Spielplatz, Grillstelle, Wildfreigehege. „Was im Wald passiert, ist jahreszeitabhängig“, sagt er. Jetzt im Frühjahr geht es um Jungtiere – um Rehkitze im hohen Gras und Füchse, die sich auch in Siedlungsgebiete vorwagen.

Der Rehbestand sei aktuell eher etwas zu hoch. Vor allem die Weißtanne leidet. „Der Terminaltrieb, also der Leittrieb, wird verbissen“, erklärt Fürgut. Ziel sei ein klimaresistenter Wald. Die Balance zu halten, ist mitunter kompliziert. Rehe kommen auch in Gärten. Wen das stört, der sollte sich durch einen Zaun schützen.

Gleichzeitig wächst der Erholungsdruck. Menschen mit Stirnlampe, die nachts quer durch den Wald gehen. Ständig neue Mountainbike-Trails auf Apps, die offiziell keine sind. E-Bikes, die tiefer ins Revier vordringen. „Da fehlt manchmal die Sensibilität“, sagt Fürgut.

Tiere brauchen Rückzugsräume. Fehlt diese Ruhe, geraten Wildtiere unter Dauerstress. Rehe verlegen ihre Aktivität tiefer in die Nacht, verbrauchen mehr Energie und meiden vertraute Flächen. Bodenbrüter geben Nester auf, wenn immer wieder Menschen oder Hunde durchs Revier streifen. Auch Licht stört: Stirnlampen nehmen nachtaktiven Tieren wertvolle Jagdzeit. Auf Dauer sinkt der Fortpflanzungserfolg. Tiere weichen aus, queren häufiger Straßen – das Risiko für Wildunfälle steigt.

Welche Tiere leben eigentlich in unserem Wald?
Erst mal die bekannten: Reh, Fuchs, Dachs, Hase. Das Rehwild ist hier die dominante Schalenwildart. Schwarzwild reagiert stark auf Mastjahre mit großen Mengen an Eicheln und Bucheckern – und auf milde Winter. „Unserem Wildschweinbestand geht es gut“, sagt Fürgut. Die Umgrabungen seien ökologisch sogar wertvoll, problematisch werde es eher auf landwirtschaftlichen Flächen. Feldhasen dagegen schwanken stark im Bestand, aktuell eher auf niedrigem Niveau. Rebhühner gelten als nahezu verschwunden. Schnepfen mit ihrem braun gemusterten Gefieder und den langen Schnäbeln sieht man nur noch vereinzelt.

Doch das Schussental ist mehr als Wald. Die Schussen selbst ist Lebensader: Eisvögel schießen wie blaue Pfeile übers Wasser, Fledermäuse jagen in der Dämmerung, Ringelnattern gleiten durchs Ufergras. In sensiblen Bereichen brütet der Schwarzstorch, streng geschützt. Der Rotmilan gehört hier fast zum Himmel wie die Kirchturmspitze. Baden-Württemberg ist ein Kernland dieser Art, mehrere tausend Revierpaare leben im Land.

Und dann ist da der Biber. „Es gibt etwa 500 bis 540 Biber-Reviere im Landkreis, das sind in Summe fast 2.000 Tiere“, sagt Abele. Der Biber ist aktuell streng geschützt. Er staut, gestaltet, schafft neue Lebensräume – und sorgt manchmal für Konflikte, wenn Baumgebiete überstauen. Noch sei die Lage hier kontrollierbar. Bei Fragen zum Biber stehen die haupt- und ehrenamtlichen Biberberater des Landkreises zur Verfügung.

Seltene Gäste
2020 und 2021 wurde im Wurzacher Ried ein territorialer Goldschakal-Rüde nachgewiesen. Man beriet sich und ließ den Wildhund ziehen. Seitdem gab es keine weiteren Sichtungen. Der Wolf spielt aktuell noch keine Rolle im Landkreis. Ein Waschbär wurde bereits gefangen – ein Vorbote einer neuen Realität? Die Frage sei weniger, ob er kommt, sondern wie man sachlich mit ihm umgehe, meint der Wildtierbeauftragte. „Emotionen sind verständlich“, sagt Abele. Viele wollten „das fremde Tier“ am liebsten sofort bejagen. Entscheidend sei jedoch ein faktenbasiertes Management statt reflexartiger Ablehnung.

Wirklich wild wird es oft im Kleinen. In Moorresten und Wiesen. Die Gelbbauchunke braucht flache, sonnenexponierte Pfützen. 2022 gingen Grundschüler mit Revierleiter Fürgut in den Wald und hoben kleine Tümpel aus. So geht Artenschutz mit Spaten und Gummistiefeln. Aktuell laufen ähnliche Projekte für den Laubfrosch: 50 neue Tümpel sollen quer über den Landkreis verteilt entstehen. Biotopvernetzung, Grünstreifen an Ackerrändern, renaturierte Bachläufe – das sind keine romantischen Begriffe, sondern Überlebensfragen für Amphibien, Wiesenbrüter, Kleinsäuger wie Hermelin (bzw. Wiesel) oder Insekten wie die unscheinbare Maulwurfsgrille. Genau diese Themen beschäftigen auch Sebastian Winkler vom Forstamt Ravensburg: „Weil Siedlungen und Straßen die Landschaft stark zerschneiden, bemüht sich der Naturschutz, Lebensräume wieder miteinander zu verbinden und Wanderkorridore zu sichern.“

Erste Hilfe für die Wildnis
In Grünkraut klingelt das Telefon oft dann, wenn andere gerade frühstücken, arbeiten oder schlafen. „Ich habe hier einen Jungvogel gefunden.“ – „Ein Eichhörnchen sitzt zitternd unter der Tanne.“ – „Ein Hase liegt reglos im Gras. Lebt er noch?“

Hier beginnt die Wildtierhilfe Ravensburg e. V. Kein großes Stations­gebäude, kein offizielles Schild mit Öffnungszeiten. Sondern Privat­wohnungen mit beheizten Nebenräumen, in denen ­tierische Patienten aufgepäppelt werden. Ehrenamtlich, seit 2019. Menschen, die zwischen Job, Familie und eigenem Alltag Platz schaffen für Federbällchen im Brutkasten und Feldhasen in Aufzuchtboxen.

Der Verein hat 130 Mitglieder. Drei Vorstände halten die Fäden zusammen. Rund zehn Pflegestellen gibt es im Landkreis und ab April wird es voll. Wer im Schussental ein verletztes oder hilfsbedürftiges Wildtier findet, landet früher oder später hier. Zwischen 500 und 1.000 Anfragen erreichen die Ehrenamtlichen jedes Jahr. Dabei endet nicht jede Geschichte mit Rettung. Aber jede beginnt mit einer Beratung und mit der Frage: Was braucht dieses Tier jetzt wirklich?

„Am häufigsten sind es Singvögel“, sagt Sonja Heidegger aus dem Vorstandsteam, die selbst als Pflegestelle fungiert. Nestlinge nach Katzenattacken. Jungvögel, die im Sommer aus überhitzten Nestern in Dachnischen hüpfen, sogenannte Hitze-Springer. Verletzte Alttiere oder verlassene Jungtiere wie Eichhörnchen, Feldhasen,kleinere Wasservögel, Mauersegler. „Wir sind keine Wildtierstation“, betont Heidegger. „Wir dürfen nicht einfach jedes Tier aufnehmen. Greifvögel brauchen Pflegestellen mit spezieller Genehmigung. Für Reptilien haben wir keine Zulassung und für Großwild schlicht nicht die Möglichkeiten.“

Gut zu wissen:

Wer ein Wildtier ohne Genehmigung bei sich aufnimmt, verstößt gegen Tierschutz- und/oder Jagdrecht. Im schlimmsten Fall kann das als Wilderei gewertet werden. Gute Absicht schützt hier nicht vor rechtlichen Folgen.

Wer eine anerkannte Pflegestelle werden will, braucht mehr als Mitgefühl: Ohne artspezifische Schulung, bestandene Sachkundeprüfung und Genehmigung des Veterinäramts darf kein Wildtier aufgenommen werden. Der Nachweis ist aufwendig, kostet Zeit und Geld – und wird privat finanziert. „Wir sind daher immer auf der Suche nach neuen Mitgliedern, Spenden und Pflegestellen“, erklärt Sonja Heidegger.

Ihre Kollegin Anja Hahn füttert ihre Schützlinge morgens um fünf. Noch einmal um acht, bevor sie halbtags arbeitet. Rund 200 Tiere betreut sie pro Jahr. Ein Feldhase kostet bis zur Auswilderung 130 bis 160 Euro, ein Mauersegler etwa 80 Euro bei mindestens 40 Tagen Pflege. „Es gibt nichts Dankbareres als ein Tier, das man entlassen kann“, sagt sie.

Wer ein auffälliges Tier findet, sollte zuerst prüfen: Ist es wirklich hilfsbedürftig oder wartet es vielleicht auf seine Mama? Anfassen kann den Eigengeruch zerstören. Bei Unsicherheit lieber direkt Hilfe bei fachkundigen Stellen holen: z. B. eine WhatsApp an die Wildtierhilfe schicken (0751 18529449) – möglichst mit Bild und Beschreibung der Fundsituation.

Gut zu wissen:

Ein gefundenes Wildtier sollte man niemals pauschal füttern oder tränken. Falsches Futter oder Wasser kann schnell lebensgefährlich werden (Vögel haben ihre Luftröhrenöffnung direkt am Zungengrund) – im Zweifel das Tier erst wärmen und fachlichen Rat einholen.

In der Ruhe liegt die Vielfalt
Das Schussental ist wild. Hier lebt das Reh neben Fuchs, Dachs, Wildschwein, Feldhase, Eichhörnchen, Igel, Siebenschläfer, Biber, Mauersegler, Eisvogel, Rotmilan, Grünspecht, Pirol, Fledermaus, Storch, Graureiher, Habicht, Mäusebussard, Uhu, Ringelnatter, Kreuzotter, Laubfrosch, Wiesel, Feldmaus, Zauneidechse – um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Wer mit Ruhe und Zeit in die Natur blickt und hört, der nimmt plötzlich ganz viele davon wahr. Doch diese Vielfalt ist auch verletzlich.

Wir gehen in den Wald für unser Achtsamkeitstraining. Atmen. Abschalten. Waldbaden. Manchmal vergessen wir dabei die Achtsamkeit gegenüber denen, die hier nicht zur Erholung sind, sondern zu Hause. Der Fuchs mit dem Hausschuh weiß nichts von Freizeitdruck, Trails oder Klimaanpassung. Er sucht Nahrung. Schutz. Raum.

Wie wild das Schussental bleibt, entscheidet sich nicht im Nationalpark, sondern zwischen Kompost und Kinderwagen, zwischen Stirnlampe und Setzzeit, zwischen Tempo 100 und Dämmerung. Wildnis beginnt vor der Haustür. Schauen wir einfach mal hin.

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